29.07.2018 - 6:15 Uhr - der Wecker klingelt. „Ich hasse Montage!“ denke ich mir und bekomme die Augen nur mit größter Mühe auf. Der erste Blick zur Seite macht mich stutzig. Normalerweise steht meine Freundin vor mir auf, stattdessen blinzelt sie mich nur relativ entgeistert an und zieht sich beim Umdrehen das Kissen über den Kopf. Irgendetwas stimmt hier nicht. Dann dämmert es mir. Es ist wieder einer dieser Sonntage... es ist Renntag!

990830b9 4efc 4f54 b724 558e37090d0d

Dominik holt mich um 7:20 Uhr ab; Andrés, Holger, Stefan und Leo treffen wir in Hannover. Die Startnummernausgabe ist eine Sache von Minuten, das habe ich auch schon anders erlebt und mit Start und Ziel vor dem Rathaus stimmt auch die Location. Nach dem Einfahren gibt es noch einen letzten Check der Zielgeraden: sie ist breit, lässt sich in der Länge ganz gut abschätzen, wenngleich ein paar Schilder mit Distanzangaben sicher geholfen hätten und wir kommen mit Rückenwind rein - Idealbedingungen.

02ef7a8c d6d1 43d5 95c4 c00f8e607686 1

Gestartet wird pünktlich um 10:35 Uhr, die ersten 8 km sind neutralisiert. Wobei es „maximal entschleunigt“ sicherlich passender beschrieben hätte. Bei Höchstgeschwindigkeiten von 25 km/h verhindert nur die der Zahl nach gleichhohe Lufttemperatur das rapide Abkühlen sämtlicher Muskeln. Den dadurch aufkommenden Positionskämpfen entfliehen wir und versammeln uns in zweiter Reihe hinter dem Führungsfahrzeug. Dann geht es endlich los!

Die ersten Kilometer sind flach und wir ziehen mit einem 47iger Schnitt von Ortschaft zu Ortschaft. Die Absperrungen sind durch Feuerwehr, Polizei und viele viele Helfer vorbildlich gesichert, die Organisation passt! Auch die Stimmung ist toll; in den Ortschaften sind die Leute bereits auf den Straßen und feuern uns lauthals an. Mit knapp 60 Höhenmetern dezimiert dann die erste Welle das Feld nur im hinteren Bereich, danach geht es mit Volldampf auf den Deister zu. Wir kennen den Anstieg, zudem leuchten Route und Höhenprofil auf dem Radcomputer auf. Da ich kein ausgewiesener Bergfahrer bin und das Eis in den letzten Wochen einfach zu lecker war, positioniere ich mich schon einmal möglichst weit vorne im Feld. Auf den ersten Höhenmetern knallt es dann plötzlich. Kein Sturz! Wahrscheinlich ein Defekt, denke ich mir. Aber wie und was genau würde ich erst nach dem Rennen erfahren, denn nur wenige Sekunden später startet die erste Attacke. Anstrengend, aber machbar; nur bleibt sie leider nicht die Einzige. Es folgt eine weitere und noch eine und so langsam komme ich in den roten Bereich und schließlich auch darüber. Ich weiß, dass ich eigentlich nur den Deister „überleben“ muss, um in der ersten Gruppe das Ziel zu erreichen und so gehe ich all in…

Aber es nützt alles nichts. Das Tempo vorn ist jetzt kontinuierlich zu hoch und ich habe dann wohl doch ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen und muss trotz maximalem Widerstand abreißen lassen. Als dann auch noch ein paar Fahrer von hinten vorbeiziehen, macht auch mein Kopf dicht. Für einen Moment lasse ich mich hängen, doch dann flacht die Straße spürbar ab und ich merke, dass ich nochmals beschleunigen kann. Einige Fahrer überhole ich wieder, aber auch wenn der Abstand der Spitzengruppe sich jetzt nicht mehr vergrößert, wirklich verringern kann ich ihn leider auch nicht. Es ist irgendwie frustrierend.

Dann auf einmal höre ich eine vertraute Stimme hinter mir, die beginnt mich anzufeuern. Holger ist zu mir aufgefahren und ich muss kurz lachen, denn dieselbe Situation hatten wir bereits am Elm. Der Spaß ist also wieder da und so beschließe ich mein Glück noch einmal in der Abfahrt zu versuchen. Ich werfe alles rein, will aber vielleicht ein bisschen zu viel. In der vorletzten Kurve komme ich arg ins Rutschen und fange das Rad nur mit viel Mühe wieder ab. Glück gehabt, aber die Spitzengruppe ist jetzt weg.

In der Folge arbeiten Holger und ich zusammen daran, zu der nächstkleineren Gruppe von 6 Fahrern aufzuschließen. Einmal erreicht, läuft diese dann leider gar nicht und so schließen 20 km später weitere 20 bis 30 Fahrer zu uns auf. Darunter erfreulicherweise auch Andrés! Als wir dann in einiger Entfernung die Führungsgruppe tatsächlich noch einmal auf der Strecke sehen, unternehmen wir einen letzten Versuch die Lücke zu schließen. Doch das Wahnsinnstempo was Holger noch einmal in den Asphalt brennt reicht leider nicht, es finden sich kaum Mitstreiter. Also beschließen wir uns auf den Zielsprint aus der Gruppe vorzubereiten. Sprintzüge haben wir im Teamtraining bereits geübt, also wäre heute die passende Gelegenheit, die Probe aufs Exempel zu wagen. Als es nach Hannover reingeht, setze ich mich daher an Holgers Hinterrad, Andrés wiederum an meines. Nur nicht zu früh vorn sein, da sind einige echte Sprintbrocken bei uns im Feld. Aber Holger hat alles im Griff; die Position im Feld stimmt. In mal mehr, mal weniger weiten Kurven geht es abwechselnd links und rechts durch die Stadt. Mein Tacho zeigt weniger als einen Kilometer und deutlich mehr als 50 km/h an, als plötzlich das ganze Feld wie am Spieß aufschreit. Andrés wird ausgebremst, Holger und ich hingegen fahren den Schlenker mit und geben wieder Gas. In der Mitte der von Absperrbändern gesäumten Straße steht eine Frau, wie erstarrt, ihr Handy in der Hand. Gestürzt ist zum Glück höchstens ihr Trommelfell, aber das hätte ganz böse ausgehen können. Daran will ich jedoch in dem Moment keinen Gedanken verschwenden, das Finale steht kurz bevor. Nach der letzten Kurve liefert mich Holger an perfekter Position auf der Zielgeraden ab und ich gebe alles, was noch in meinen Beinen steckt. Mit etwas Überschuss löse ich mich aus dem Feld, doch leider fährt mir in diesem Moment jemand von rechts eine Welle ins Rad und ich muss kurz in die Eisen... Egal, ich gebe noch einmal Gas und es reicht immerhin noch zu Platz 3 aus der Gruppe. Dank ganz toller Teamarbeit! Auch Holger und Andrés schonen sich nicht und ziehen bis zum Ende durch!

Im Ziel erfuhr ich dann, woher der Knall im Aufstieg kam. Dominiks Hinterrad war wohl zu verlockend, jedenfalls hatte jemand beschlossen ihm schlicht von hinten in die Karre zu fahren. Ein klassischer Auffahrunfall also, samt verbogenem Schaltwerk. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, die Gruppe mit Leo zusammen in einem Höllentempo über den Deister zu treiben. In der Abfahrt dann der nächste Schock. Erst lautes Klappern, dann leises Zischen: sein Hinterreifen war platt. Doppeltes Pech könnte man meinen, aber es hätte mit einem Sturz auch alles viel schlimmer kommen können. Stattdessen rollte Dominik „nur“ langsam aus und durfte den Rest der Strecke aus dem wohltemperierten Besenwagen genießen.

Leo und Stefan hingegen hatten es sowohl in der ersten Gruppe über den Deister geschafft, als auch durch die Abfahrt. Und Stefan musste bergab mal wieder seine gesamte fahrerische Klasse bewiesen haben, denn auf Strava grüßte er anschließend als neuer KOM-Inhaber. Danach muss es etwas ruhiger zugegangen sein, sonst hätten wir sie später in der Ferne nicht mehr zu Gesicht bekommen. Gen Ende setzte es dann aber die erwarteten Attacken. Leo stellte all seine Cross-Qualitäten unter Beweis, als ihn eine brenzlige Situation off-road schickte; trotzdem rettete er sich mit der Gruppe ins Ziel. Stefan hingegen holte alles raus, was die Beine hergaben und wurde ganz starker 5ter!

Stefan, Leo und ich waren anschließend schon bei den Autos und dabei uns umzuziehen, als mein Telefon klingelte und Holger uns in „aber flott Manier“ zurück rief – eine Siegerehrung würde auf uns warten. Dass wir dann mit „erheblichem Vorsprung“, wie der Moderator verkündete, die Teamwertung gewonnen hatten, war für (fast) alle von uns (Domi erfreute sich immer noch der gratis Rundfahrt und hätte wohl gern ein gehöriges Wörtchen um den Sieg mitgeredet) das i-Tüpfelchen auf einen rundherum gelungen Tag!

IMG 3453

Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal

Euer Tobi