dom

9:45 Uhr: Wir sind jetzt 6 Km unterwegs. Die neutralisierte Phase ist durch. Direkt wird vorne attackiert. Ganz schön früh und noch ganz schön kalt. Die Attacken bringen mich aber auf Betriebstemperatur. Die letzten 6 Km sind wir mit einem 15er Schnitt gefahren. Die nächsten 90 km wird es ein Schnitt über 43 Km/h.

Die Attacken verlaufen immer wieder im Sand, nur um dann durch eine neue Attacke abgelöst zu werden. So vergehen die nächsten 20 Minuten. Am ende setzen sich zwei Fahrer ab. Ich sehe sie und denke mir „lass die Deppen ruhig fahren, die schaffen es sowieso nicht bis zum Ende“!

Nachdem die Ausreißer abgefahren waren beruhigte sich das Feld und es konnte in den Arbeitsmodus übergegangen werden (bedeutet für mich, vorne fahren, aber nie ganz vorne und dabei Kräfte für den Schlusssprint sparen. Eine nicht besonders ruhmreiche aber sinnvolle Methode). Die beiden fuhren vorne einen immer größeren Vorsprung raus aber wir konnten sie noch sehen. Das Team der beiden sabotierte ganz vorbildlich die Nachführarbeit. Zudem scheint es im Jedermannbereich schwierig bis unmöglich zu sein darauf zu reagieren.

Der Vorsprung wuchs weiter und so langsam gewann ich die Erkenntnis, dass die beiden nicht ohne tatkräftige Hilfe gestellt werden würden. Also legte ich einen großen Gang ein und beteiligte mich an der Nachführarbeit. Immer wieder war ich vorne und brachte meine Oberschenkel zum glühen. Im vollen Bewusstsein, dass das eine Scheißidee war ging ich immer wieder nach vorne in den Wind. Aber wir kamen nicht näher. Schlimmer noch, wir sahen die beiden Fahrer nicht mehr. Trotzdem fassten sich eine Hand voll Fahrer immer wieder ein Herz und traten in die Pedalen. Mit jedem weiteren Kilometer der verstrich schwand auch die Zuversicht.

Noch 10 km. „Wir werden sie nicht mehr kriegen.“ Lieber den letzten Rest, der noch in den Beinen steckt bewahren und am Ende voll reinhalten. Gleichzeitig fiel mir aber auf, dass das Team der Ausreißer nicht mehr effektiv störte. Die schienen sich auch ganz schön verausgabt zu haben.

Noch 5 km. „Wir sehen sie wieder und sie sind nicht mehr weit weg“. Die 70 km zu zweit haben auch hier ihren Tribut gefordert. Vorne wird wieder ordentlich nachgesetzt. Entgegen meiner guten Vorsätze helfe ich mit („Vollidiot“, aber ich will sie auch nicht davonkommen lassen. Das war einfach zu frech so früh raus zu fahren).

Noch 3 Km. Vorne überbrück ein Fahrer die letzten Meter und schließt sich den beiden an. Wir hinterher. Geschaffte. Jetzt auf den Sprint vorbereiten. Das bedeutet für mich, dass ich mir einen starken Fahrer mit schwachen Nerven suche. Dieser, so mein Kalkül, wird seine Nerven verlieren und den Sprint zu früh eröffnen und mich dadurch unfreiwillig anfahren :) Mein Augenmerk ist hierbei auf ein besonders prachtvolles Exemplar gefallen. Dicke Beine und eine etwas unerfahrene Fahrweise. Bingo! Ich nehme mir also sein Hinterrad. Um uns herum fahren noch ca. 45 Fahrer und allen wollen vorne mitmischen.

Noch 800 Meter zu fahren. Das Nervenbündel verliert selbige und eröffnet. „Scheiße“! Das hält der doch nicht durch! Egal jetzt muss ich dran bleiben. Er kämpft 300 Meter. Dann bricht er ein. Noch 500 Meter; das ist viel zu weit für mich. „Mist“, brauche ein neues Hinterrad. Fahre 100m selber im Wind. Dann ziehen welche vorbei. Ich kann mich wieder reinhängen.

Noch 400 Meter. Die Straße wird enger. So geht es weiter. Ganz links schießt einer raus. „Dreck! Den bekomme ich nicht mehr“! Aus der kleinen Gruppe wird all-out gefahren. Das Hinterrad an dem ich hänge ist stark. Noch habe ich den vierten Platz, gleich gehe ich raus und vorbei. Dann wäre ich schon mal auf drei. Also raus aus dem Wind. Boom... Der Fahrtwind, der mir entgegen schlägt zwingt meine Beine zur Kapitulation. An dem komme ich nicht vorbei. Die viele Arbeit von zuvor steckt mir in den Gliedern. Ich gehe zurück in den Windschatten. Zumindest den will ich halten. Links und rechts ziehen noch 2 Fahrer vorbei. Ich bin sauer! Normalerweise dürften die kein Problem sein. So rollen wir über die Ziellinie. Meine Lunge brennt und die Gels wollen oben wieder raus.

Nach ein bisschen ausrollen legt sich der Ärger. Ich bin zu frieden. War ohne Team da und habe hauptsächlich gegen Teamfahrer, die sich schonen konnten verloren. Damit kann ich leben. Am Ende werde ich 6er (5. in der Altersklasse bis 39 steht auf der Urkunde. Danke für den Hinweis, das mir da noch ein Ü 40 Fahrer weggefahren ist. Dafür finde ich keine Ausrede).

Mega stark war die Fahrt der beiden Ausreißer. Hut ab.

schwerin sm

Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Es ist eine schöne Leicht wellige Strecke eigentlich ist es mir hier zu flach aber für Schwerin mache ich eine Ausnahme. 

Bericht: Dominik